Freude am Mitwirken und Verändern

Florie und Lea sind gerade volljährig. Rastatter Schülerinnen an der Anne-Frank-Schule. Beide mit klaren Vorstellungen, wie es nach dem Abitur weiter gehen soll: Florie will Medizin studieren, und Lea Germanistik. Beide haben erstklassige Noten – aber ihr Leben besteht nicht nur aus Schule und Lernen. Sie sind die jüngsten aktiven Mitglieder unseres Vereines. Beide geben in Flüchtlingsunterkünften Nachhilfe in Deutsch und manchmal auch in Mathe. Das bedeutet didaktisches Wissen, ein bisschen Lernpädagogik, aber vor allem: Freude am Umgang mit den Kindern und viel viel Geduld.

„Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt”, dieser Leitsatz von Albert Schweizer motiviert Lea: “Ich bin ganz zufällig in Deutschland geboren. In einem Land, in dem Frieden herrscht, in dem es eine Demokratie gibt, in dem die Menschen mehr als genug zu essen haben und in dem man, falls nötig, Sozialhilfe bekommt”, erzählt sie. Und auch: “Dass allein der Zufall, wo man am richtigen Ort zur richtigen Zeit geboren wird, darüber bestimmen soll, wie gut oder schlecht es einem geht, erschien mir schon immer unfair. Alle Menschen sollten das gleiche Recht haben, ein friedliches und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Auch in ihrer Familie gibt es einen bewegenden Hintergrund: “Kurz bevor die innerdeutsche Grenze endgültig geschlossen wurde, floh meine Großmutter im Alter von vierzehn Jahren aus der DDR nach Rastatt. Ihr Vater hatte hier Verwandte, die die Familie allerdings eher weniger freudig bei sich aufnahmen. Es waren harte Zeiten. Das Bewusstsein darüber, dass es in der eigenen Familie Flüchtlinge gibt, macht die Verantwortung deutlich, die wir gegenüber anderen Menschen haben. Es könnte uns jederzeit genauso ergehen. Meine Oma war mit Sicherheit erschüttert, ihre Heimat verlassen zu müssen. Ihre Eltern planten die Flucht, ohne die Kinder einzuweihen – meine Großmutter konnte sich nicht einmal von ihren Freunden verabschieden. Nach solchen Erfahrungen ist es essenziell, freundlich aufgenommen zu werden. Hierzu möchte ich gerne in der jetzigen Situation beitragen.”

Mit großer Begeisterung sind Lea und Florie seit diesem Sommer in unserem Verein aktiv. Ihre Mentorin ist die frühere Lehrerin Birgit Bäuerle, die die Hausaufgabenbetreuung unseres Vereines für Flüchtlingskinder in Rastatt organisiert und betreut. Unter ihrer Führung haben die Beiden die ersten Stunden absolviert. “Und schon beim ersten Mal”, berichtet Florie mit strahlenden Augen, ” wollten mich die Kinder gar nicht mehr gehen lassen.” In der Hausaufgabenbetreuung geht es in erster Linie darum, den Flüchtlingskindern und Jugendlichen bei Aufgaben zu helfen, die sie gerne bearbeiten möchten, wobei sie aber noch Schwierigkeiten haben. Gemeinsam wird das Alphabet gelernt, die Artikel, wichtige Begriffe, die man im Alltag benötigt und vieles mehr.

“Wir versuchen viel mit den Kindern und Jugendlichen auf Deutsch zu sprechen. Da ich aus einer Großfamilie komme und auch zwei viel jüngere Geschwister habe, ist die Arbeit und vor allem die Beschäftigung mit kleinen Kindern nichts Neues für mich gewesen, sondern sehr vertraut”, berichtet Florie: “Ich bin von der schnellen Aufnahmefähigkeit der Kinder begeistert. Sie saugen jede Information wie ein Schwamm auf, sind unglaublich wissbegierig und voller Energie.” Wenn nicht gelernt wird, dann spielen alle zusammen „UNO“, „Mensch ärgere Dich nicht“ oder Tier-Memory. Jeden Donnerstag Nachmittag in der Lyzeumstraße und jeden Freitag von 15:30 -17:00 Uhr im Café Welcome, in der Plittersdorfer Straße im Hochhaus. Manchmal gemeinsam mit den Eltern der Flüchtlingskinder.

Am Freitag, 14. Oktober, haben sie dafür allerdings keine Zeit: Sie informieren mit anderen Vereinsmitgliedern junge Menschen über das sinnvolle Ehrenamt, Flüchtlingen zu helfen. Schülerinnen und Schüler sind dazu herzlich um 15 Uhr in die Stadtbibliothek Rastatt eingeladen. Wer was, wann, wie und wo helfen kann. Auch warum sie das tun.

Lea: “Ich freue mich über das dankbare Lächeln der Jugendlichen, mit denen ich Deutsch übe.” Und: “Im Alltag bin ich oft enttäuscht, wie sinnlos vieles ist, was wir in der Schule lernen. Mein Engagement hat sich als sinnhaft entpuppt. Es lehrt mich Dinge, von denen ich immerhin annehme, dass sie mir in Zukunft nützen könnten. Ich lerne, mich auf andere, sehr fremde Menschen einzulassen. Ich lerne, dass Menschen sich auch jenseits von Wortsprache erstaunlich gut verständigen können. Ich bin entspannter geworden bei  ungewöhnlichen neuen Situationen. Ich fühle mich besser auf das kommende Berufsleben vorbereitet. Die Arbeit mit den Flüchtlingen bringt mich auf den Boden zurück. Sollte ich mir wieder jemals zu viele Sorgen um anstehende Klassenarbeiten, Termine oder sonstiges machen, weiß ich: Selbst wenn ich versage, ist es nicht das Ende der Welt. Es gibt Schlimmeres. So unsagbar viel Schlimmeres. Und trotzdem haben Menschen es geschafft, diesem Schlimmen zu entkommen. Sie hatten die Kraft, sich emporzustemmen und ein neues Leben weit weg zu wagen. Das macht mir Mut. Egal, was ich vermasseln sollte, ich kann einen anderen Weg finden. Einen besseren.”

Florie zitiert Mahatma Gandhi und jeder spürt, wie ernst es ihr ist: „Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“